Horzons Wanddekorationsobjekte

Herr Horzon, Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Ihr Ikea-Konkurrent Moebel Horzon feiert 2099 hundertjähriges Bestehen. Wie laufen die Vorbereitungen?

Ich kann seit Wochen an nichts anderes mehr denken, aber das Programm steht bereits. 19 Uhr: Eintreffen der Gäste im Vestibül, Begrüßungsgetränk. 19.30 Uhr: Grußwort der Bundeskanzlerin Dr. h.c. Angela Merkel. 20 Uhr: Szenische Aufführung der Mondscheinsonate durch 7000 Moebel-Horzon-Fließbandarbeiterinnen. 20.30 Uhr: Kleiner Imbiss. Gegen 21 Uhr ist dann der Höhepunkt der Veranstaltung vorgesehen, die Sprengung des Berliner Stadtschlosses.

Sollte das Stadtschloss nicht schon viel früher gesprengt werden? Sie planen doch an der Stelle …

… ja, an der Stelle soll der Horzon-Tower errichtet werden, mit 3500 Stockwerken das größte Gebäude Berlins. Vielleicht müssen wir das hundertjährige Moebel-Horzon-Jubiläum auch etwas vorverlegen, zum Beispiel auf nächstes Jahr. Die Zeit drängt!

Neben der Planung Ihres Horzon-Towers und Ihrem schlauchenden Alltag als Bestsellerautor sind Sie auch mit Wanddekorationsobjekten gut im Geschäft.

Das kann man leider nicht behaupten. Wir haben „Horzons Wanddekorationsobjekte“ im Januar 2014 eröffnet. Seitdem haben wir kein einziges Wanddekorationsobjekt verkauft.

Vielleicht liegt das auch am recht hohen Stückpreis von 600.000 Euro. Was rechtfertigt eigentlich diesen Preis?

Es gibt bei der Preisgestaltung zwei unterschiedliche Strategien: Man kann versuchen, viele tausend Einheiten zu einem niedrigen Stückpreis abzusetzen. Denselben Umsatz kann man erzielen, wenn man nur wenige Einheiten zu einem sehr hohen Stückpreis absetzt …

Man merkt, dass Sie sich mit der Materie eingehend beschäftigt haben.

Ich habe vor meinem Bestseller „Das Weisse Buch“ ja bereits drei andere, weniger erfolgreiche Bücher geschrieben, Bücher über Wirtschaftslehre, davon profitiere ich noch heute.

Es handelt sich bei Ihren Objekten um Quadrate aus transparent-farbigem Plexiglas, die farbliche Akzente setzen. Steckt da auch eine Message dahinter?

Eine Message? Sehen Sie mal, im Grunde genommen sind diese Objekte ja nur die Neu-Auflage der „Wanddekor“- Objekte, die wir bereits 2002 auf den Markt gebracht haben, das waren schwarze und weiße Quadrate. Davon haben wir damals genau EIN Stück verkauft. Ein schwarzes Quadrat. Zum Preis von 50 Euro! Deshalb haben wir gesagt: Dieses Mal machen wir die Quadrate ganz bunt. Und viel teurer.

Ihre Wanddekorationsobjekte ähneln Anselm Reyles Streifenbildern. Führen Sie sein Erbe fort?

Anselm Reyle ist ein Freund, dessen Arbeit ich sehr schätze. Möglicherweise ähneln die Wanddekorations- objekte daher auch seinen Streifenbildern. Aber sie unterscheiden sich in einem zentralen Punkt: Die Streifenbilder sind Kunst. Die Wanddekorationsobjekte sind keine Kunst.

Kann, was keine Kunst ist, auch nicht kritisiert werden?

Gute Frage! Aber: Ja, ich bin wirklich völlig unangreifbar, weil ich ja wirklich der Einzige bin, der das tut, was ich tue. Und ich habe mir das noch nicht einmal selber ausgedacht, sondern einfach nur den Rat einer Wahrsagerin befolgt!

Das ist ja allerhand. Wie lautete denn ihr Rat?

Ich habe ihn auf Seite 19 meines Bestsellers doch schon aufgeschrieben! Ich will ihn hier aber gerne noch einmal zitieren: „Versuche nie, schneller zu laufen als die anderen. Du wirst nie vor ihnen ans Ziel kommen! Also sollst du ein Ziel wählen, das außer dir niemand kennt. Dann wirst du der erste sein, der dort ankommt, auch wenn du noch so gemütlich spazierst!“

Und dennoch ruhen Sie sich ja nicht auf dieser Erkenntnis aus. In diesem Jahr waren Sie mit Ihren Wanddekorationsobjekten sogar auf einer Messe, der Azerbaijan Decor Expo. Warum Aserbaidschan?

Ich bin von der Messeleitung angeschrieben worden, ob ich an dieser Messe, der weltgrößten Messe für Dekorati- onsobjekte, teilnehmen möchte. Ich habe dann zurück- gefragt: „Do you think there is a market for our objects in Azerbaijan?“ Und die Antwort war, Moment, ich suche die Mail schnell heraus: „There is a growing interest especially for decorational design in Baku, which means your products will fit well in this market; there will be demand.“ Ich habe dann sofort zugesagt.

Es war doch sicher ziemlich teuer, diese hochwertigen Wanddekorationsobjekte nach Baku zu transportieren?

Wir haben uns für den Transport einen Spezialbehälter von der Firma Moebel Horzon anfertigen lassen. Ohne diesen Behälter hätte auch keine Versicherung die Objekte versichert!

Welchen Eindruck machte die Messe auf Sie?

Der Messe-Palast von Baku ist eines der größten Gebäude der Welt. Die Messe selbst war dann aber etwas kleiner als erwartet, es gab außer unserem Stand nur noch drei oder vier andere Stände. Neben uns die Firma Deco-Pro aus Teheran, die silberne und goldene Fliesen anbot. Auf der anderen Seite war die Firma Horizon Carpets aus Bagdad, die Wandteppiche verkauft. Und dann gab es, glaube ich, auch noch einen Tapetenhändler aus Istanbul.

Auf der Agenda standen noch Messen in Ruanda, Nigeria und Teheran. Warum sind Sie nicht hingefahren?

Unsere Erwartungen an Aserbaidschan waren hoch. Sie wissen ja, dass Aserbaidschan eines der ölreichsten Länder der Welt ist. Wir hatten also erwartet, dass sich auf der Dekorationsmesse Ölmilliardäre und Diktatoren die Klinke in die Hand geben. Aber das Publikum bestand im Großen und Ganzen aus den Betreibern der anderen Stände, die untereinander Visitenkarten austauschten. Wir mussten also lernen, dass auch in Schurkenstaaten das Geld nicht einfach so auf der Straße herumliegt.

Wie geht es jetzt weiter? Was steht als nächstes an?

Im Geschäftsleben gibt es keinen Raum für Sentimentalitäten: Wenn wir merken, dass ein Unternehmen seine Ziele nicht erfüllt, wird es abgestoßen. Wir haben aber schon einige neue Geschäftsideen in Vorbereitung: Eine Möbel-Linie zum Zusammenstecken und Zusammenklicken, namens „Klik – Der Möbeldiskont“. Außerdem werden wir im Frühjahr ein neues Unternehmen gründen, bei dem es um Astronomie geht. Mehr kann ich dazu leider noch nicht sagen.

Wenn „Horzons Wanddekorationsobjekte“ liquidiert wird, was geschieht dann mit den vielen unverkauften Wand- dekorationsobjekten?

Die werden später mein Mausoleum von innen schmücken.

Erschienen in Frankfurter Allgemeine Magazin am 31. Oktober 2016.



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